Inflation oder Staatsbankrott ist nicht notwendig

Ich habe letzten Herbst Prof. Kenneth Rogoff in einem Vortrag erlebt. Prof. Rogoff hat sich Finanzkrisen der letzten 800 Jahre beschäftigt. Das eigentlich Erstaunliche dabei ist, wie optimistisch Prof. Rogoff für die aktuelle Situation ist.

In diesem Zusammenhant halte ich auch interessant, wie sich Staaten in der Vergangenheit entschuldet haben. Von den 32 Entschuldungsphasen seit 1930 kamen

  • acht durch Inflation zustande
  • sieben durch Staatspleiten
  • sechzehn durch Sparmaßnahmen (!!!) und
  • eine durch starkes Wirtschaftswachstum.

Ja, wir haben aktuell Staatschuldenkrisen infolge der Finanzkrise. Aber es besteht keine Notwendigkeit, dass das entweder in eine Hyperinflation oder in Staatsbankrotte mündet. Das sind denkbare Szenarien, aber keine unbedingt notwendigen – wie die Geschichte zeigt.

12 Antworten

  1. Verdienstvollerweise hat die Philosophie geholfen, zwei verschiedene Arten von Notwendigkeit klarer auseinanderzuhalten:

    1.) Begriffliche Notwendigkeit (= logische Notwendigkeit) bedeutet, dass bereits die probeweise gegenteilige Annahme bzw. Behauptung zu einem logischen Denkwiderspruch führen würde und daher unmöglich ist.

    2.) Naturgesetzliche Notwendigkeit bedeutet, dass bestimmte Tatsachen unserer Welt so sein müssen, wie sie sind, weil die in unserem Universum geltenden Naturgesetze dafür sorgen. Wären die Naturgesetze anders als sie sind, was ja grundsätzlich ohne Widerspruch vorstellbar ist, wären auch die durch die Naturgesetze festgelegten Tatsachen andere.

    Ihre Aussage ist inhaltlich sehr schwach und unstreitig.

    Macht denn irgendjemand die starke Behauptung und sagt, dass Staatsbankrotte in Wortgebrauch 1.) oder aber 2.) notwendig sein?

    Eine weitere offene Frage ist die Definition von „Staatsbankrott“. Gilt jedweder Zahlungsverzug auf Zinsen bereits als Staatsbankrott?

    Hatte Russland im Sommer 1998 Staatsbankrott erklärt wegen Ausfalles bestimmter Kapitalrückzahlungen?

    • Ich utnerhalte mich ständig mit Leuten über Finanzen. Das bringt mein Beruf so mit sich. Und bestimmt jeder Zweite, mit dem ich rede, glaubt: Es wird notwendigerweise zu einer sehr hohen Inflation kommen oder zu einem Staatsbankrott. Ich habe versäumt, diese Leute danach zu fragen, ob sie das im Sinne einer begrifflichen oder im Sinne einer naturwissenschaftlichen Notwendigkeit meinen.

      Außerdem gibt es massenhaft Bücher zu dem Thema Finanzkrise und Staatsbankrott. Beispielsweise das Buch von Stefan Riße: “Die Inflation kommt!” Schon der Titel klingt ja nicht so, als gäbe es da noch viele andere Möglichkeiten. Herr Riße schriebt in diesem Buch auf Seit e14: “Grundsätzlich gibt es nur zwei Wege der Entschuldung. Der erste ist die große Pleitewelle mit einer Abschreibung der Kredite… Der andere ist dei Inflation …”

      Herr Riße kennt offenbar nicht die Möglichkeit, dass Schulden auch getilgt werden. Ich dachte bisher immer, dass das eigentlich der normale Weg der Entschuldung ist. Nach Riße (und mit ihm eine Reihe anderer Bestseller-Autoren) kennen aber nur: a) den Staatsbankrott oder b) starke Inflation. Tertium non datur.

      Insofern halte ich das Ergebnis von Kenneth Rogoff schon interessant. Seit 1930 wurden etwa die Hälfte der Staatsschuldenkrisen durch Sparen gelöst (also weder durch Hyperinflation noch durchj Staatsbankrott). Für eine Alternative, die es im derzeiten Bewusstsein vieler überhaupt nicht gibt, ist das eine bemerkenswert hohe Quote.

  2. Alle diejenigen, welche die Unterscheidung von begrifflicher und naturgesetzlicher Notwendigkeit nicht in der Philosophie kennenlernen konnten und nicht gerade selber überragende Genies sind, meinen alltagssprachlich mit „notwendig“ wohl etwa:

    „Es muss so sein bzw. muss so kommen, dass ….“
    „Es kann gar nicht anders sein bzw. anders kommen, als dass …“
    „ Es ist kein Zweifel möglich, dass es so ist bzw. so kommen wird, dass …“
    „ Es ist ganz und gar sicher, dass es so ist bzw. so kommen wird, dass ….“

    • Es ist doch mehr als Klar das sich in diesem Themen immer die Meinungen spalten. Es sind endlose Diskussionen die man da führen kann, doch auf einem Nenner kommt man da wohl nie…

  3. Bei diesem so wichtigen Thema sollte man nun wirklich nicht über den Gebrauch des Wortes “notwendig” diskutieren.

    In einem seiner letzten Interviews schätzt Prof. Rogoff die Lage relativ pessimistisch ein. Die Staatspleiten von bspw. Griechenland sind unvermeidbar (der Markt hat die Pleite eigentlich längst eingepreist). Ohne die Rettungsmaßnahmen wären ja Griechenland und auch Portugal praktisch insolvent. Damit würde auch die Anzahl der Entschuldungen durch Staatspleiten seit 1930 von sieben auf neun steigen. Wichtig ist natürlich auch ein Blick vor 1930. Schulden wurden seit jeher durch Bankrotterklärungen getilgt. Dennoch wurde selbst ehemaligen Bankrotteuren Geld geliehen, weil bspw. der Zins entsprechend hoch war und man bis zur Pleite genügend eingenommen hatte.

    Es stellt sich auch die Frage, inwieweit der Wille zur Reduktion der Schulden durch Ausgabenkürzungen überhaupt vorhanden bzw. möglich ist. In Großbritanien ist ein großes Sparprogramm auf den Weg gebracht… doch in Deutschland? Die Mehreinnahmen (nicht Überschüsse) sind bereits verplant. Bei einem Schuldenstand in Deutschland von sagen wir rund 2 Billionen Euro (explizite Staatsverschuldung) müsste man (ohne Berücksichtigung von Zinsen und Zinseszinsen) rund 50 Mrd. p.a. sparen, um die Schuldenlast nach 40 Jahren zu tilgen. Sparen nicht Mehreinnahmen!!! Dies scheint aus heutiger Sicht unmöglich. Das Thema “Deflation” ist dabei unter Umständen sogar verheerender. Denn gerade dadurch könnten sich Staatspleiten einstellen. Dann nämlich wenn das Preisniveau zurückgeht, Menschen ihre Jobs verlieren, Banken Kredite abschreiben müssen, Steuereinnahmen wegbrechen, Sozialkassen noch leerer werden… dann sind Staatsbankrotte nicht mehr weit…

    Wären da nicht die Notenbanken, die dann (wie in 2008) geschehen zur Hilfe eilen und Geld aus dem Nichts erschaffen. Das nächste Quantitative Easing (QE III) könnte dann in der Höhe unsere Vorstellungskraft sprengen… und übers Ziel hinausschießen. Dann müssten wir uns u.U. nicht über Deflation oder Inflation Sorgen machen, sondern um Hyperinflation. Die Schulden- und Geldmenge würden sich angleichen. Die Folge: Vermögen weg – aber auch die Schulden. Das Positive daran: Wir könnten endlich von Neuem beginnen und ab da wieder positiv in die Zukunft blicken. Dies dürfte dabei helfen, den Wiederaufbau gemeinsam voranzubringen!

    Bis auf Weiteres bedeuten diese Aussagen für das Vermögen nichts anderes als: Weiterhin breit streuen und nichts für unmöglich halten!

  4. Also die Pleiten waren ja voraussehbar und es werden auch noch andere Länder hinzu kommen. Oder wie seht Ihr das?

    • Ich bin immer sehr vorsichtig, wenn es um die Vorhersehbarkeit von Finanzereignissen geht. Im Nachhinein scheint immer alles klar zu sein. Aber in der Situation selbst kann es fast immer entweder so oder so weitergehen. Beispiel Irland: Vor noch ein paar Jahren wurden die Iren hochgelobt. Im Vergleich zu Deutschland weniger Staatsverschuldung, höheres Wirtschaftswachstum. Auch der Lebensstandard der Iren, so konnte man vor ein paar Jahren lesen, hätte inzwischen den Lebensstandard der Deutschen überholt. Vor 5 Jahren hätte jeder darauf gewettet, dass es mit Deutschland eher bergab und mti Irland eher bergauf geht. Selbst kluge Leute wei Prof. SInn hat Bücher geschrieben, die in diese Richtung argumentierten. Jetzt im Nachhinein soll alles klar gewesen sein, dass wir Deutschen heute gut dastehen und die Iren schlecht? Das halte ich für eine sehr gewagte Behauptung.

  5. Das hat mich jetzt doch überrascht, das so viele Krisen durch überzogene Sparmaßnahmen ausgelöst wurden. Allerdings weiss ich nicht in wiefern diese Daten auf unsere derzeitige Situation anwendbar sind. Die Märkte verändern sich doch relativ schnell.

  6. Schulden einfach verbrennen?
    Peter Mühlbauer07.07.2011
    Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Ron Paul wartet mit einem ungewöhnlichen Vorschlag auf, wie die FED den Anfang August drohenden amerikanischen Staatsbankrott verhindern könnte:

    http://www.heise.de/tp/artikel/35/35071/1.html

    - – - – - – - – -

    Geld und Finanzsysteme sind von Menschen erzeugte Artefakte (= Hervorbringungen menschlichen Überlegens und Handelns). In ihnen scheint, wirklich beliebig alles möglich zu sein. Es besteht kein äußeres Regulativ, so wie es im Bereich der Natur dort die Naturgesetze sind.
    Politisch Mächtige handeln nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip: „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.“

    Alle Erörterungen über Bankrotte, Zahlungsausfälle, defaults usw. sind müßig. Welches Ereignis als Zahlungsausfall gelten soll und welches nicht, scheint der völligen sprachlichen Willkür anheimgestellt.
    Inhaltlich beliebige Definitionen heißen in der Philosophie „Nominaldefinitionen“. Nominaldefinitionen gelten als analytische Aussagen. Das heißt: Im Gegensatz zu Realdefinitionen haben sie keinen Erkenntniswert. Sie tragen keinen Informationswert über das so bezeichnete Ding bzw. Ereignis.

    Der Streit, ob die vermeintlich freiwillige Umwandlung alter griechischer Staatsanleihen großer europäischer Geschäftsbanken in Anleihen mit 30-jährige Laufzeit als Staatsbankrott Griechenlands gewertet werden soll oder nicht, scheint mir diese Willkür zu belegen.
    Ob bestimmte Ereignisse in der Fachliteratur als Staatsbankrotte bezeichnet werden oder nicht, spielt dann keine Rolle mehr. Wir lernen aus der Einordnung mittels willkürlicher sprachlicher Bezeichnungen nichts und verstehen die Abläufe dadurch weder besser noch schlechter als zuvor.
    Dummerweise werden dadurch aber auch historische Statistiken über frühere Staatsbankrotte belanglos.

    Allerdings werden durch willkürliche Entscheidungen manche zu echten Gewinnern und andere zu echten Verlierern, denn in der Sache macht es sehr wohl weiterhin einen Unterschied, ob ein Schuldner an seine Gläubiger zurückzahlt oder aber nicht.

    Falls immer mehr Menschen ihr Gesellschafts- und Wirtschaftssystem als immer ungerechter erleben, kommt es oft irgendwann zu Erhebungen und Revolutionen wie derzeit in Nordafrika und im Nahen Osten. Nach allem, was ich bisher gelesen habe, waren und sind in Tunesien, Ägypten, Syrien und Jemen wirtschaftliche Perspektivlosigkeit junger Menschen und Armut ein wichtiges Motiv bei den Erhebungen. In Libyen sind wirtschaftliche Triebfedern wohl etwas schwächer.

  7. Dank diverserer Rechenfehler hat sich ja glücklicherweise die Staatsverschuldung der BRD um ein paar Milliarden gesenkt :)

    HRE sei Dank :D

  8. Ich glaube Stand Februar 2012 kann man vaon ausgehen, dass Griechenland pleite gehen wird; es ist nur noch die Frage, wann. Diese immerwährenden Aufstocken der Rettungspakete sind lediglich eine Verzögerung des Unausweichlichen.
    Denke aber nicht, dass jetzt die Gefahr hoch ist, dass andere Staaten folgen.

  9. Interessanter Ansatz. In meinen Gesprächen hat auch fast jeder Angst vor Staatspleiten oder Hyperinflation. Ich sehe diese Szenarien nicht so kritisch. Damit wird meine Haltung durch o.g. Punkt ja bestärkt.

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