Als ich mich als Siebzehn-/Achtzehnjähriger für die großen Philosophen interessierte, ahnte ich noch nicht, wohin es mich einmal beruflich verschlagen würde.
In dieser Zeit waren Platon, Kant, Hegel, Nietzsche meine große Leidenschaft. Ich machte das so intensiv, dass ich beinahe die Schule vernachlässigte. Also stand fest: sobald ich mit dem Abitur fertig bin, würde ich schnellstmöglich mit dem Studium der Philosophie anfangen. Schließlich war es so weit und ich ging in mich… Denn so sehr ich mich auf die Geisteswissenschaften freute, so sehr war mir bewusst, dass das doch eine sehr brotlose Kunst ist. Also dachte ich nach, was ich sonst noch studieren konnte. Ich dachte und dachte, und plötzlich, ich weiß bis heute nicht warum, war es mir glasklar: ich musste Mathematik studieren. Der Plan stand also fest, ich wollte Philosophie und Mathematik parallel im Doppelstudium studieren.
Noch sehr lebendig sehe ich das Bild vor mir, als ich mich einschreiben wollte und mit einem Universitätsbeamten herumdiskutierte. Er wollte mir nämlich das Doppelstudium ausreden. Das sei viel zu schwer, das könne ich nicht schaffen. Ich solle doch erst einmal mit der Mathematik beginnen und nach meinem Vordiplom in zwei Jahren, könnte ich dann wieder kommen. In der Zwischenzeit könne ich ja einfach die notwendigen Philosophie-Kurse parallel besuchen. Darauf ließ ich mich schließlich ein.
So begann ich mein Studium. Ich belegte Mathematik-Vorlesungen und ging in Philosophie-Seminare und war überrascht. Ja, mehr als überrascht. Denn die Philosophie enttäuschte mich und die Mathematik begeisterte mich über die Maßen. Ich wurde zu einem sehr guten und engagierten Mathematik-Student und zog einfach die Philosophie so mit, sozusagen aus alter Gewohnheit. Als die ersten zwei Jahre vorbei waren, machte ich mein Vordiplom und bekam lauter Einser. Mit diesem Traumzeugnis ging ich dann wieder zu dem Universitätsbeamten und forderte, dass mein Doppelstudium jetzt offiziell würde. Wieder sträubte sich der Beamte und versuchte es mir vehement auszureden. Ich bestand darauf und da er es mir schlicht verweigern wollte, verlangte ich nach seinem Vorgesetzten. Dieser kam, ich erzählt ihm mein Anliegen – und bekam auf der Stelle meine Erlaubnis.
Also war ich glücklich und konnte mich auf den nächsten Abschnitt meines Studiums stürzen. Ich studierte, begrub mich in Büchern und mein Kopf rauchte vor all den mathematischen Formeln und philosophischen Theorien. Aber irgendetwas holte mich wieder auf die Erde zurück. Ich weiß nicht mehr, wie genau es dazu kam, aber gegen Ende meines Studiums fing ich einen studentischen Nebenjob an, zufälligerweise bei einem Vermögensverwalter. Der hatte sich nämlich einen PC gekauft und kam damit nicht zurecht. Ich richtete bei ihm ein System zur Renditeberechnung der verwalteten Vermögen ein und kümmerte mich um die Wertpapierbuchhaltung. Das machte mir so Spaß, dass ich sogar noch weitere Auftraggeber unter den Vermögensverwaltern bekam. Ich strebte weiter meine Studien-Abschlüsse an, aber von jetzt an war mir klar, wo ich meine weitere berufliche Zukunft sah: im Bereich der Geldanlage und Vermögensverwaltung.
Schließlich hatte ich mein Studium erfolgreich beendet. Um meinen letzten Schliff im Bereich Kapitalanlage zu bekommen, bewarb ich mich Mitte der neunziger Jahre bei dem Versicherungskonzern Allianz. So kam ich zu einem der größten globalen Kapitalanleger. Meine Aufgabe war das Risikocontrolling der Kapitalanlagen der Allianz weltweit. Ich lernte, wie ein wirklicher Großinvestor denkt und handelt. Was ich aber vor allem lernte, war, dass Geldanlage vor allem etwas mit Risiko zu tun hat.
Gefährliche Szenarien kann man sich ausdenken, kann deren Wahrscheinlichkeit abschätzen und sich eventuell darauf vorbereiten. Die gefährlichsten Szenarien sind aber diejenigen, von denen wir uns jetzt noch nicht einmal andeutungsweise ein Bild machen können. Wirklich effektives Risikomanagement bedeutet immer auch das vollkommen Unerwartete für möglich zu halten. Daher bin ich sozusagen als gelernter Risikocontroller, vor allem eines: skeptisch.
Hier schließt sich der Kreis wieder hin zur Philosophie. Gerade bei der Geldanlage gilt der Ausspruch des Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Und jeder Anlageberater, Fondsmanager oder Vermögensverwalter täte gut daran, sich regelmäßig daran zu erinnern. Dem entsprechend halte ich überhaupt nichts von Kapitalmarktprognosen. Ich bin der Überzeugung, dass Prognosen Schall und Rauch sind und völlig wertlos. Dies wird durch eine ganze Reihe von Studien belegt. Hier eine Auswahl:
- Holger Benke: Mehr als 50% der Kapitalmarktprognosen von 1992 bis 2005 sind irreführend oder falsch
- Fachhochschule Südwestfalen: Etwa 50% der Prognosen für das Jahr 2005 waren falsch.
- Prof. Törngren (Stockholm): Profis haben ein Trefferquote von nur 40%.
Zu diesem Thema sehr lesenswert sind ferner folgende Bücher:
- Prof. Martin Weber: „Genial einfach investieren“.
- Nassim N. Taleb: „Narren des Zufalls“
- Nassim N. Taleb: „Der schwarze Schwan“
Im Jahre 1998 verließ ich die Allianz, obwohl ich mich dort sehr wohl gefühlt hatte. Ich beantragte die Lizenz bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAfin) und begann als selbständiger Vermögensverwalter. Die Anforderungen durch die Aufsichtsbehörde sind so hoch, dass es derzeit in ganz Deutschland nur ca. 750 ähnliche Berater wie mich gibt.